Aus der Ansprache von Roy Oppenheim anlässlich der Ausstellung in der Galerie Schlosskeller, Fraubrunnen

.... Lange vor der Erfindung der ungegenständlichen Kunst hat Leonardo da Vinci gezeigt, wie wichtig der Imaginationsreiz, die Phantasie und Vorstellungsgabe für die Schaffung aller Kunst ist. Ähnlich schöpft auch Steffi Schott-Merz primär aus ihrer Imagination, aus ihrem Inneren. Steffi Schott-Merz vollzieht in ihrem Schaffen den entscheidenden Weg von der Mimesis, der Nachahmung der Natur zur Neuschöpfung. .....


Steffi Schott-Merz ist bekanntlich geschulte Zeichnungslehrerin; sie beherrscht das Métier à fonds, sie kennt die Kunst und ihre Entwicklung. Seit rund 10 Jahren ist sie als freie Künstlerin tätig. Heute ist sie der traditionellen Perspektive als Gestaltungsmittel überdrüssig; sie zieht dem Arbeiten vor dem Abbild das Arbeiten mit ihren, aus sich heraus geschöpften „Inbilder“ vor und folgt damit einer Leitvorstellung der Moderne. .....


Aus der jahrzehntelangen Beschäftigung mit künstlerischer Gestaltung hat die Künstlerin ihren aussergewöhnlichen Farbsinn entwickelt, wie er in dieser Ausstellung zum Erlebnis wird. Dabei gibt es einen geheimnisvollen Schulterschluss zwischen dem Mittelalter und der Moderne: Das Licht kommt nicht mehr von aussen, sondern wirkt durch die Farbmaterie auf uns. Man könnte von Lichtimmanenz, von einem, den Dingen inhärenten „Eigenlicht“ sprechen, das Atmosphäre, Formen und Farben aus sich heraus zur Wirkung bringt. ...


Manches Werk erinnert in seiner Kraft und Grandezza an De Koonings gestisch-abstrakten Landschaftsbildern „Abstract Landscapes“. Auch Steffi Schott-Merz schafft abstrakte Allegorien, eine Art persönlicher „Zeitreise“ auf der Suche nach (eigener) Vergangenheit und Herkunft. Oft erinnern uns diese freien, befreienden Eruptionen an einen explosiven, ekstatischen Rausch. In diesem Sinne ist in Steffi Schott-Merz Schaffen das Apollinische ebenso wie das Dionysische zugleich verborgen: das ordnende und das kreativ-rauschhafte Elemente des Menschen gleichermassen. Spannend ist zu sehen, wie Steffi Schott-Merz mit dem Format experimentiert. Dazu gehört die Zwei- oder Mehrteilung: Oft wird am Rand eine weitere Fläche angedeutet, die wir aber nur als überdeckten Ausschnitt oder Streifen wahrnehmen. Steffi Schott-Merz weckt unsere Neugierde, deutet an, dass es noch mehrere Ebenen gibt, Dinge hinter den Dingen. Den Raum zwischen den Werken muss der Betrachter in seiner Vorstellung „überbrücken“, wodurch ein zusätzliches dramaturgisches Element entsteht. ...


Steffi Schott-Merz Arbeitsweise mag an Klees Auffassung der »psychischen Improvisation« erinnern, jenes bewusste Einbeziehen des Spontanen und Unbewussten in den kreativen Prozess, der aber dennoch die Organisationsweise von Form und Komposition anerkennt. Statik und Dynamik halten einander in einem sensiblen Gleichgewicht. In diesen Werken spüren wir auch etwas vom dualistischen Lebensprinzip, dem Stirb und Werde. Vom Gedanken, dass alles vorläufig und begrenzt, dass allein Flüchtigkeit von Dauer ist und ein ständiges Werden und Vergehen, ein Gesetz des permanenten Wandels – das Leben als offene permanente Veränderung. Das lebendige Strömen des Lebens zwischen Chaos und Ordnung ist sinnlich erfahrbar. Steffi Schott-Merz hat eine eigene, unverkennbare Bildsprache entwickelt. Diese zeichnet sich aus durch lustvolle Bewegtheit der Form, einen vitalen Elan des Kolorits, zu Form gewordene Aktionsspuren, Transparenz und immateriell pulsierenden Choreographie. Ähnlich wie in der Musik zerfliessen die Farbbahnen, Spritzer und Kleckse als die flüchtige Spur des im Raum verklingenden Musikstücks. Oft als energiegeladenes Farbengewebe, das die ganze Fläche der Leinwand in Vibration versetzt, oder als flirrende, federleichte Pinselzüge, die wie das verhallende Echo des einmal Gehörten erscheinen. Die Polyphonie der Farben, ihr spielerisches Wechseln zwischen leuchtend-gesättigter erdgebundener Farbkraft und Entmaterialisierung charakterisiert dieses Werk. Es ist ein Appell an die Vorstellungskraft der Betrachters. Denn diese werden herausgefordert, die eigene Erlebnisfülle durch diese bildnerischen Gedanken freizulegen und sich der Erlebnisfülle des Lebens hinzugeben. Bekanntlich prägte Wassily Kandinsky den Begriff der „inneren Notwendigkeit“, die der inneren richtungweisenden Kunst innewohnt und den Keim der Zukunft in sich birgt. „Innere Notwendigkeit“ – auch so etwas hat wohl Steffi Schott-Merz vor Jahrzehnten vorwärts und angetrieben, als sie sich zur Malerei entschloss.


Thuner Tagblatt, 31. Mai 2011

Eine perfekte Kombination Mit Steffi Schott-Merz und Franz Sommer stellen in der Galerie Rosengarten zwei Kunstschaffende aus, deren Weke ein hohes künstlerisches Niveau erreicht haben. Sie sind die perfekte Kombination von Originalität, Inspiration und Fantasie. Bei der Berüssung zur Vernissage am Samstag stellte Kunstkenner Roy Oppenheim fest: „Wir stehen hier vor Werken, die von der Evaluation – vom visuellen Ausgangspunkt zur Innerlichkeit – geprägt sind. Künstlerin und Künstler haben neue Wege gesucht und bei ihrem Schaffen das Sichtbare verlassen, damit autonome Kunstwerke entstehen konnten. Sie haben ihnen ihre Inspiration eingehaucht und sie mit humorvollen Titeln benannt. Dadurch sind die Kunstwerke zu Wesen der Originalität geworden.“ Aus den Bildern von Steffi Schott-Merz strömen dem Betrachter Lebensfreude und Wohlbehagen entgegen. Das beschwingte Farbspiel widerspiegelt Harmonie und Ästhetik vereint mit Spannkraft. Aber nur dem geduldigen Betrachter offenbaren sich die enorme Tiefe und auch die Heiterkeit, von welchen die faszinierenden Bilder erzählen. Ob die in Sigriswil wohnhafte Künstlerin farbenfroh von ihren Reisen, von Tierliebe oder von einem Sonntagsspaziergang erzählt, die Geschichten erfreuen Herz und Seele. Handwerk gelernt Wie Steffi Schott-Merz hat auch der in Thun aufgewachsene Franz Sommer sein Handwerk von Grund auf gelernt. In der Ausstellung liegt das Schwergewicht auf Objekten. .... Verena Holzer